[Bild: Gründer Karsten Lutz und Simon Jost mit dem Spendenscheck, © Improving Earth GmbH]

Ein halbes Jahr lang haben wir die Umsätze, die die verringerten Mehrwertsteuersätze von Juli bis Dezember 2020 mit sich gebracht haben, gesammelt. Für uns war von Anfang an klar: Wir wollen spenden! Ihr – unsere Kund:innen – wart sofort auf unserer Seite und habt euch “Ärzte gegen Tierversuche e. V.” als Spendenempfänger ausgesucht.

Aufgerundet ist aus den vielen kleinen Beträgen eine stattliche Summe in Höhe von 8.500 Euro geworden – wow! Stolz und gerührt haben wir das Geld vor Kurzem überwiesen – und Astrid Beckmann vom Verein in diesem Zuge um ein Interview gebeten. Astrid erklärt, warum Tierversuche nicht nur unnötig, sondern sogar hinderlich sind, wie jede:r von uns gegen das Unrecht in Versuchslaboren vorgehen kann und was sie selbst schon jahrelang im Kampf für die Tiere antreibt.

[Lesedauer: ~ 8 min.]

Liebe Astrid, als wir von der Mehrwertsteuersenkung 2020 erfahren haben, war für uns schnell klar, dass wir die Differenz gern spenden würden. Umso mehr haben wir uns über den Support unserer Community, die sich dann ja auch aktiv für „Ärzte gegen Tierversuche e. V.“ als Spendenempfänger entschieden hat, gefreut. Stell’ euren Verein doch kurz für all diejenigen vor, die noch kein Bild von euch haben.

Erstmal möchte ich mich nochmal ganz herzlich dafür bedanken, dass ihr uns gemeinsam mit eurer Community ausgewählt habt. Der Support der Menschen für unsere Arbeit wird seit geraumer Zeit immer größer, ein wertvolles Zeichen für uns, dass das Thema „Tierversuche abschaffen“ für immer mehr Menschen immer wichtiger wird! Unser Verein setzt sich unter dem Motto „Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!“ schon seit 1979 für eine tierversuchsfreie Medizin ein, bei der Ursachenforschung und Vorbeugung von Krankheiten sowie der Einsatz von modernen Forschungsmethoden z. B. mit Multi-Organ-Chips und Mini-Organen im Vordergrund stehen. Unser Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche und damit eine ethisch vertretbare, am Menschen orientierte Medizin – eine Wissenschaft, die durch moderne, tierversuchsfreie Testmethoden zu relevanten Ergebnissen gelangt. Unser ehrenamtlich arbeitender Vorstand besteht komplett aus Ärzt:innen, unser Team zählt mittlerweile 16 festangestellte Mitarbeiter:innen, darunter sind fünf Wissenschaftlerinnen. Von unseren etwa 3.500 Mitgliedern sind etwa ein Drittel ebenfalls Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen; ansonsten können Menschen, egal, welchen Beruf sie ausüben, bei uns Fördermitglieder werden.

Im Fokus eurer Arbeit steht also die Abschaffung von Tierversuchen. Wie können wir dahinkommen? Was sind eure Lösungsansätze?

Zunächst möchte ich kurz die wichtigsten Argumente gegen Tierversuche darlegen:

  1. Tierversuche sind leidvoll, langwierig, teuer – und unsinnig! Nehmen wir die Grundlagenforschung, die ca. 50 % der offiziell gemeldeten Tierversuche ausmacht: Sie gilt der reinen Neugierbefriedigung der Forscher:innen, die Relevanz für den Menschen liegt bei unter 1 %, somit beträgt die Fehlerquote über 99 %.
  2. Wir leben im 21. Jahrhundert, nutzen nicht mehr dieselben Fortbewegungs- und Kommunikationsmittel wie vor 100 oder 50 Jahren, wir schicken Menschen ins All – aber bei der Erforschung unserer Krankheiten halten wir an einem archaischen System, dem Tierversuch, fest. Und dabei haben wir zeitgemäße, menschenbezogene und sehr effiziente Forschungsmethoden. Ein Beispiel sind sogenannte „Multi-Organ-Chips“, auf denen menschliche Mini-Organe, die man z. B. aus Hautzellen gezüchtet hat, platziert sind. Zur Verdeutlichung haben wir ein animiertes Video.
  3. Die jährlichen Fördergelder von Bund und Land, also unsere Steuergelder, für Tierversuche vs. tierversuchsfreie Forschung sind in Deutschland krass missverteilt: 99,x % (mindestens 4 Milliarden Euro als gesicherte Untergrenze) für Tierversuche, somit lediglich mickrige 0,y % (derzeit maximal 27 Millionen Euro) für die in 2. beschriebene High-Tech-Forschung.

 

Wenn man nun die Argumente 1 und 3 betrachtet, fällt auf, dass 99,x % Förderanteil in eine längst überholte Forschung gesteckt werden, die neben viel Tierleid auch eine Fehlerquote von 99,x % produziert. Das ist ein handfester Skandal, den wir nicht müde werden zu betonen!

Unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Botschaften öffentlich zu machen. Wir schreiben wissenschaftliche Artikel, unterhalten Datenbanken, organisieren Kongresse, halten Vorträge, geben Interviews, produzieren Filme, führen Kampagnen durch, machen Mahnwachen und Demos, sprechen mit Menschen auf der Straße, erstellen Materialien für Schüler:innen und führen Thementage an Schulen durch, ergreifen rechtliche Schritte bei Missständen, beraten Firmen und Universitäten, vergeben Forschungspreise und führen öffentliche Streitgespräche mit Tierexperimentator:innen. Und natürlich sprechen wir mit der Politik, denn wir brauchen dem 21. Jahrhundert und unseren Erkenntnissen angepasste Gesetze. So werden wir es auf Dauer mit der Unterstützung ganz vieler Menschen schaffen, die Tierversuche abzuschaffen!

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[Video: Mini-Organe und Multi-Organ-Chips – Wie geht das?, © Ärzte gegen Tierversuche e. V.]

[Bild: Geschäftsführer Claus Kronaus (3. v. l.) und Interviewpartnerin Astrid Beckmann (4. v. l.) mit der AG Münster, © Ärzte gegen Tierversuche e. V.]

[Bild: Laborarbeit ohne Tierversuche, © Chokniti Khongchum @ Pexels]

Also brauchen wir eigentlich gar keine Tierversuche?

Genau! Wie oben erläutert, ist es ja nicht nur so, dass wir keine Tierversuche brauchen, sondern sie uns Menschen sogar schaden und den Fortschritt aufhalten. Auf der einen Seite versagen 95 Prozent der Medikamente, die erfolgreich an Tieren getestet wurden, in den klinischen Phasen am Menschen! Es erreichen somit von 100 Medikamenten nur fünf Marktreife – ein weiteres Drittel muss anschließend wieder vom Markt genommen oder mit Warnhinweisen versehen werden. Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Tierversuche funktionieren nicht, weil eine Maus kein Mensch ist. Die unterschiedlichen Spezies, egal, ob Maus, Ratte, Hund, Affe oder Mensch, reagieren auf unterschiedliche Substanzen auch unterschiedlich. Und somit weiß man immer erst in dem Moment, in dem man beginnt, ein Medikament am Menschen zu erproben, wie es wirken wird. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, welche Substanzen im Laufe der Jahrzehnte ausgemustert wurden, weil sie im Tier nicht die erwünschte Wirkung hatten, uns aber möglicherweise weitergeholfen hätten! Daher sind Tierversuche aus wissenschaftlicher Sicht völlig unnütz und können uns Menschen sogar schaden, da sie uns eine falsche Sicherheit vorgaukeln.

Wie kann ich als Verbraucher:in sicherstellen, dass die Produkte, die ich konsumiere, nicht an Tieren getestet worden sind?

Seit 2013 dürfen laut EU-Richtlinie kosmetische Rohstoffe und Produkte nicht mehr im Tierversuch getestet und nicht in die EU eingeführt werden. Allerdings betrifft das nur die Stoffe, die ausschließlich für Kosmetik verwendet werden – und das sind nur 10% oder gar weniger der Inhaltsstoffe. Das Problem ist, dass selbst natürliche, pflanzliche Öle wie Jojobaöl nicht nur in Kosmetik, sondern auch in der Industrie verwendet werden – und somit automatisch in eine andere Sparte fallen und an Tieren getestet werden dürfen.

Es gibt aber Firmen, die Tierversuche grundsätzlich ablehnen. Oft handelt es sich um Naturkosmetik-Firmen oder kleine Manufakturen, die unabhängig von Konzernen arbeiten. Sehr oft war und ist deren Gründung mit hohen ethischen Ansprüchen für Umwelt, Natur, moralischer Verpflichtung den Menschen und auch den Tieren gegenüber verbunden – eben so, wie ihr bei Smooth Panda es auch haltet. Da es in Deutschland verschiedene Siegel gibt, über deren Zahl man schnell den Überblick verlieren kann, haben wir die gängigsten in einer Übersichtstabelle dargestellt. Tragen Produkte eines oder mehrere dieser Siegel, dann ist man als Verbraucher:in schon auf der sichereren Seite.

Aber Achtung an dieser Stelle: „vegan“ bedeutet nicht automatisch „tierversuchsfrei“! Dies bedeutet lediglich, dass in dem Produkt keine Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs enthalten sind.

Wasch-, Reinigungs- und Putzmittel gehören nicht zum Bereich Kosmetik, weshalb für sie andere Regelungen gelten. Das heißt dann nicht, dass in jedem Fall Tierversuche gemacht wurden, aber es ist eben nicht auszuschließen. Auch hier lohnt ein Blick auf die Siegel, die ein solches Produkt trägt.

[Tabelle: Übersicht Kosmetik-Siegel mit Fokus auf Tierversuche, © Ärzte gegen Tierversuche e. V.]

Komplett an Tierversuchen vorbei kommen Konsument:innen heute noch nicht, z. B. weil in der Medikamentenentwicklung Tierversuche vorgeschrieben sind. Leider gibt es keinen Aufdruck, der sagt: Dieses Produkt wurde nicht an Tieren getestet.

Abgesehen von Spenden, wie kann ich die Arbeit von Ärzte gegen Tierversuche e. V. unterstützen?

Am besten helft ihr uns und unserem Anliegen tatsächlich, indem ihr Mitglied oder Fördermitglied werdet. Mitglieder sind Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen, der Beitrag beläuft sich auf 72 Euro im Jahr. Alle anderen sind Fördermitglieder für 36 Euro pro Jahr. Hier findet ihr die entsprechenden Online-Formulare. Denn je mehr wir sind, desto stärker wird unsere Stimme in Politik und Wissenschaft wahrgenommen. Natürlich gibt es weitere tolle Möglichkeiten, uns zu unterstützen: Unterzeichnet und verteilt unsere Petitionen zu Themen wie: „6.000 Kaninchen retten – Pyrogentest stoppen!“, „Augsburg muss tierversuchsfrei bleiben“ oder „Ausstieg aus dem Tierversuch. JETZT!“. Das ist ganz wichtig, damit wir wiederum den Druck auf die Politik und manchmal auch direkt auf einzelne Tierversuchslabore erhöhen können. Einen Überblick über unsere Kampagnen liefert unsere Internetseite. Ihr könnt auch Mitglied einer unserer 18 in Deutschland verteilten Arbeitsgruppen werden, die Infostände, Mahnwachen und Demonstrationen initiieren. Ansonsten gilt: Folgt uns auf Facebook, Instagram, Twitter und YouTube und teilt und kommentiert dort unsere Beiträge, damit noch mehr Menschen auf uns aufmerksam werden.

Hier findet ihr das Spendenformular, mit dem ihr ganz einfach per Online-Spende oder PayPal spenden könnt. Natürlich ist auch eine Überweisung auf unser Konto bei der GLS Bank möglich: IBAN: DE48 4306 0967 4126 7406 00; BIC: GENODEM1GLS

[Bild: Spritze und Impfstoff, © Cotton Bro @ Pexels]

Durch die COVID-19-Pandemie ist das Thema der Tierversuche – sowohl den Ausbruch als auch die Bekämpfung des Virus‘ angehend – in den Fokus gerückt. Hat eure Arbeit durch die Corona-Krise eine neue Bedeutung bekommen?

Zunächst sind natürlich fast alle Präsenztermine, die wir übers Jahr wahrnehmen, weggebrochen, z. B. Messen und Kongresse, bei denen wir mit vielen Menschen in Kontakt kamen. Somit mussten wir neue Wege einschlagen. Wir haben Webinare angeboten und verschiedenste Vorträge bei digitalen Veranstaltungen gehalten, z. B.  beim „Alternativen“-Kongress in Minsk. Dadurch haben sich ganz neue Verbreitungsmöglichkeiten für unsere Botschaften ergeben.

Direkt zur raschen Entwicklung der Corona-Impfstoffe lässt sich sagen, dass sie der jüngste Beweis dafür ist, wie ineffizient und unnötig Tierversuche sind. Es ist gesetzlich geregelt, dass normalerweise alle Medikamenten- und Impfstoffkandidaten in einer ganzen Palette von Tierversuchen vor dem ersten Test an Menschen erprobt werden. Da die üblichen Tierversuche aber zu langwierig und erfahrungsgemäß zu unzuverlässig für die aktuelle Corona-Krisensituation sind, wurden einige Tierversuche verkürzt, übersprungen oder gleichzeitig mit den Tests an Menschen gemacht. So wurden die Impfstoffe von Biontech und Moderna an Affen getestet, erst nachdem Hunderten von Menschen die Impfstoffe injiziert wurden. Zudem wurden die Stoffe erst kurz vor den ersten Menschen-Studien Mäusen und Ratten verabreicht, um eine behördliche Genehmigung für die weiteren Tests an Menschen zu bekommen. Wer mehr wissen möchte, schaut gerne hier.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was ist deine Motivation im Kampf gegen Tierversuche? Was treibt dich an und was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich habe mich immer schon für das Wohl von Tieren eingesetzt und wünsche mir, dass wir Menschen sie mit Respekt behandeln und aufhören, sie zu essen, zu misshandeln, für unsere Zwecke zu missbrauchen und sie zu töten. Als ich vor einigen Jahren erfuhr, dass in meiner Heimatstadt Münster Deutschlands größtes Affenlabor Covance seinen Sitz hat, dass quasi vor meiner eigenen Haustür jedes Jahr bis zu 2.000 Affen in grausamen Giftigkeitsprüfungen leiden und ermordet werden, war für mich klar, dass ich mich auf die Abschaffung der Tierversuche konzentrieren möchte. Ich werde nicht eher ruhen, bis dieses unsägliche Labor endlich seine Türen für immer schließt! Für die nähere Zukunft wünsche ich mir, dass Deutschland endlich ein Konzept für einen Ausstieg aus dem Tierversuch vorlegt, und dass die Fördermittel so verteilt werden, dass die moderne, leidfreie Spitzenforschung, die es ja längst gibt, endlich in Gänze zeigen kann, was in ihr steckt. Wenn diese beiden Forderungen erfüllt werden, dann sind wir auf einem ziemlich guten Weg zur Abschaffung aller Tierversuche!

[Bild: Astrid bei der Großdemo gegen das Affenlabor Covance, 2019 in Münster, © Ärzte gegen Tierversuche e. V.]